Schule und Erziehung

Von Holzbalken, Krippenfiguren – und einer guten Zeit in der Schreinerei

Schreinerei statt Lehrerzimmer: In dieser Schreinerei hat Alexander Scholz professionell die Holzarbeiten umgesetzt. Werl, 14.12.2020 Man braucht schon eine gute halbe Stunde mit dem Auto, um ans Ziel zu kommen: Der Weg führt über verschiedene Dörfer, quer durch die Hügellandschaft des Sauerlands. Die Schreinerei liegt mitten im Niemandsland auf einem alten Hof. Es dämmert schon leicht. Jetzt ist niemand mehr außer uns hier. Die Schreiner, die hier tagsüber arbeiten, haben ihre Materialien zur Seite geräumt.

Handyempfang gibt es nur, wenn das Telefon an einem Fenster in einer ganz bestimmten Position liegt. Ansonsten: Funkstille. Ein geradezu perfekter Ort, um mal für ein paar Stunden zur Ruhe zu kommen. Als wir die Tür aufmachen und das Licht einschalten, befinden wir uns ein bisschen in einer anderen Welt. Diese Werkstatt gehört zwei Freunden, die beide Schreinermeister sind und sich hier eine kleine Oase eingerichtet haben: Auf einer der Hobelbänke steht ein Schallplattenspieler mit verschiedenen Platten, viele auf dem Trödelmarkt gekauft. Eine richtig gute Kaffeemaschine steht auf einer Fensterbank, ein Sixpack Bier wartet unter der Hobelbank auf einen gemeinsamen Feierabendtrunk der Freunde.

Es riecht nach Holz und Wachs. Einzelne Teile von Möbelstücken wurden am Tag zuvor gewachst und geölt, um die Maserung des Holzes herauszuarbeiten. Mehrere Holzbohlen lagern an einer Wand und sind teilweise bereits zugeschnitten, um in den kommenden Tagen weiter verarbeitet zu werden. Im Nachbarraum stapeln sich alte Möbel, die restauriert werden.

Eigentlich unterrichtet Alex katholische Religion, Kunst und Deutsch an den Ursulinenschulen in Werl und arbeitet als Theologe, aber manchmal tauscht er die Schulmaterialien gegen die Kleidung aus seinem alten Beruf: Seine Schreinerkluft. Also: Cordhose, weißes Hemd, Gürtelschnalle mit Winkel, Zirkel und Hobel. Zollstock in der Tasche und Bleistift hinterm Ohr. Auszeit nennt er das.

Die naturbelassene Struktur der Holzquader ist gut zu erkennen. Heute treffen beide Bereiche aufeinander: Alex wird Krippenfiguren für die Ursulinenschulen bauen. Allerdings nicht so, man sich das vorstellt. „Schreiner bleibt man ja auch immer irgendwie“, meint Alex, als wir zusammen die Balken aus seinem Auto laden, aus denen die Krippenfiguren entstehen werden. Die hat er einen Tag zuvor bei einer großen Holzhandlung abgeholt.

„Eine komplizierte Arbeit ist der Figurenbau technisch nicht“, meint Alex. Es gehe ja nicht darum, schwierige Verbindungen anzufertigen oder ein Möbelstück zu bauen. Alles Dinge, die hier in der Schreinerei gemacht werden. Überall liegt Werkzeug bereit, um zum Beispiel eine Oberfläche zu schleifen oder Kanten zu fräsen. „Bei den Balken wird es eher darum gehen, sich zu bremsen und das Holz möglichst durch die eigene Beschaffenheit wirken zu lassen.“ Deswegen wird die Oberfläche der Balken auch nur gehobelt und nicht auch noch geschliffen.

An diesem Abend kommt einer der beiden Schreiner hinzu, denen die Werkstatt gehört: Fabian und Alex sind schon lange befreundet, und beide verbindet neben demselben Beruf auch die lange Erfahrung aus der Kirchengemeinde in ihrem Heimatort. Und so wird zwischen den Hobelbänken zwar nicht über Gott und die Welt, aber über Schule, Handwerk, Krippenbau und Theologie diskutiert. Zum Beispiel über das Design einer ganz bestimmten Figur: „der heimliche Held der Weihnachtserzählung ist Josef“, findet Alex. Einer, der in der Bibel viel zu kurz kommt, für den man als Schreiner aber durchaus Sympathie empfindet. „Man muss ja davon ausgehen, dass Jesus bei seinem Vater das Handwerk gelernt hat. Er wird ja nicht 30 Jahre lang nichts gemacht haben“, sagt Alex schmunzelnd. Also hatte Josef auch Einfluss auf seinen Sohn, was sicherlich für sein späteres Wirken wichtig war.

Deswegen bekommen beide Figuren auch eine Oberfläche, die von den anderen Figuren abweicht und beide verbindet: Alex arbeitet mit dem Stecheisen einzelne Strukturelemente in das Holz, die Spuren der handwerklichen Arbeit verdeutlichen sollen.

Aus Holzquadern entsteht eine ungewöhnliche Krippe für die Ursulinenschulen in Werl. Ehrlich gesagt: Man muss schon nachdenken, um in den einzelnen Balken Krippenfiguren zu erkennen. Aber genau das sei ja gewünscht, erzählt Alex in einer Pause: „Konservative Krippen sind meist sehr filigran ausgearbeitet. Aber das ist ein anderer Ansatz. Eher wie ein Bilderbuch, das man betrachtet.“ Diese Darstellung hier fordert dazu heraus, die Figuren verstehen zu wollen, über ihre Rolle nachzudenken.

Auf dem Tisch sammeln sich allmählich mehrere kurze und lange Balkenstücke, die alle etwas unterschiedlich sind. Manche weisen Risse auf. „Die werden in den kommenden Wochen in der Schule noch größer werden“, meint Alex. Ein Effekt, den man beim Möbelbau eigentlich zwingend vermeidet. „Außer, ich baue mal ganz einen ganz abgefahrenen Tisch aus ganzen Stämmen. Dann will man das sogar.“ Und auch bei der Krippe ist dieser Effekt gewünscht: In manchem Balken ist im Querschnitt der Kern des Stammes zu sehen. „Und da steckt die ganze Spannung, oder etwas romantisch gesagt, die ganze Erfahrung des Baumes drin, der schon mal mehrere hundert Jahre alt sein kann“, so Alex. Das mache schon zwischendurch etwas nachdenklich. Dass aus diesen Stämmen nun eine Krippe für die Ursulinenschulen entstanden ist, ist aber durchaus etwas Besonderes. Das wird dem Baum gerecht. Schon jetzt fragen Schülerinnen und Schüler, ob sie die Krippe sehen dürfen. Die wird aber erst in den kommenden Tagen aufgebaut und wird sich fast täglich verändern.

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