Schule und Erziehung

Ein Besuch, der unter die Haut ging

Schulleiter Markus Ratasjski (re.) begrüßt Navid Kermani (l.) und Armin Laschet am St. Ursula-Gymnasium in Attendorn.Attendorn, 19.4.2016 Mit Dr. Navid Kermani, dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2015, und Armin Laschet, dem NRW-Landesvorsitzenden der CDU, durfte das St.-Ursula-Gymnasium sich über außergewöhnlich prominenten Besuch freuen. Ermöglicht wurde dieser durch einen Brief an den iranisch-stämmigen Autor, der im Rahmen eines Unterrichtsprojektes zum Thema „Was ist Religion?“ im Katholischen Religionsunterricht der Jg. EF unter Leitung von Fabian Bodora entstand. Die Kurssprecher Lara Kamp und Lorenz Klimesch erläuterten in ihrer Begrüßung, dass die Schülerinnen und Schüler von der Dankesrede Kermanis anlässlich der Friedenspreisverleihung so beeindruckt waren, dass sie gern mehr von ihm persönlich über die Unterschiede und vor allem die Gemeinsamkeiten von Muslimen und Christen erfahren wollten.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine Lesung von Kermani aus seinem Buch „Ausnahmezustand: Reisen in eine beunruhigte Welt“. Dabei nahm er seine Zuhörer zunächst mit in das seit 1979 vom Krieg zerrüttete Afghanistan, das er 2006 besuchte. Mit seinen Schilderungen der katastrophalen Versorgungslage machte er deutlich, dass die Flüchtlingskrise nicht überraschend kam. Laschet räumte dazu ein, dass die Defizite seit Jahren in Berlin bekannt seien, aber dass es keine einfachen Lösungen, schon gar keine militärischen, gebe. Leider reagiere auch die Politik oft erst dann, wenn das Problem direkt vor der Tür stehe.

Ein zweites Beispiel führte die Zuhörer nach Syrien, das Kermani 2011 mit der freien Armee bereiste. Kermani berichtete von systematischen Zerstörungen ziviler Institutionen und Krankenhäuser durch das Assad-Regime. Besonders seine detaillierte Beschreibung eines verwüsteten Krankenhauses in der Nähe von Damaskus, in dem hilflose Patienten auf einer Intensivstation sowie ihr Pfleger hingerichtet wurden, hinterließ bei den Zuhörern einen tiefen Eindruck. Der friedliche Protest der Bevölkerung gegen dieses Regime und für Demokratie sei in einen religiösen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten unfunktioniert worden. Die meisten Syrer flöhen nicht vor dem IS sondern vor dem Regime.

Schließlich erlebten die Zuhörer mit Kermani die Rettung von somalischen Flüchtlingen aus dem Mittelmeer auf der Insel Lampedusa im Jahr 2008. Kermani äußerte sich ergriffen von der Begegnung mit den verstörten, ängstlichen aber vor allem dankbaren Menschen, die ihr Leben behalten durften.

Im Anschluss an die Lesung stellten sich Kermani und Laschet den Fragen der Schülerinnen und Schüler. Vieles drehte sich dabei um die Frage, warum die Politik nichts unternähme. Dass dies nicht so einfach sei, betonten sowohl der Autor als auch der Politiker. Sie warben eindringlich dafür, die europäische Idee zu fördern, um das Wiedererstarken des Nationalismus zu verhindern, und auch die Gemeinsamkeiten der Religionen zu betonen. Nicht sie seien das Problem, sondern die Menschen, die sich nicht an Regeln halten.

Doch auch dafür, was sie selbst Gutes tun können, interessierten sich die Schülerinnen und Schüler. „Was jeder tun kann, ist sich für den Ort einsetzen, an dem er lebt – nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für Arme und Behinderte“, so die Antwort von Kermani.

Angesichts der angeregten Diskussion im Beisein der Flüchtlingsjugendlichen aus der Auffangklasse und der ergriffenen Atmosphäre im Forum fasste Schulleiter Markus Ratajski die Veranstaltung mit den Worten zusammen: „Uns ist vieles unter die Haut gegangen.“ 

Doris Kennemann

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