Schule und Erziehung

„Du sollst leben!“

Der 90jährige Holocaustüberlebende Sally Perel las am Gymnasium St. Xaver in Bad Driburg Ausschnitte aus seiner bewegenden Autobiographie \"Ich war Hitlerjunge Salomon\".Bad Driburg, 5.6.2015 Gleich zwei Mal las Sally (Salomon) Perel am Montag, den 1. Juni 2015, in der Aula des Gymnasiums St. Xaver aus seiner Autobiographie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ vor. Während am Vormittag die Schüler der Jahrgangsstufen 9 bis 11 gespannt und bewegt den Ausführungen des neunzigjährigen Holocaust-Überlebenden folgten, berichtete dieser am Abend vor öffentlichem Publikum erneut, wie es ihm als Juden gelang, sich als Hitlerjunge zu tarnen und so der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu entkommen. 

Gleich zu Beginn seiner beiden Vorträge machte Sally Perel deutlich, worin er seine Bestimmung sieht: „Ich verstehe mich als Zeitzeuge, um von dem Unbeschreiblichen zu berichten, was nicht vergessen werden darf.“ Diese Aufgabe wolle er umso mehr angesichts des wiedererstarkten Rechtsradikalismus in Deutschland gerecht werden. Dabei stellte er unmissverständlich klar: Dummköpfe seien die Jugendlichen, die aus Unwissenheit das dunkle Kapitel, das mit Gaskammern und Auschwitz verbunden ist, abstreiten. „Wer aber die Wahrheit kennt, und diese Geschichte leugnet, ist ein Verbrecher“, so Perel weiter. 

Im Verlauf der beiden Lesungen wurde nach und nach das Schicksal Perels greifbar: 1925 in Peine bei Braunschweig geboren, flüchteten er und seine Familie 1938 vor dem Terror der Nationalsozialisten nach Łódź in Polen. Nach dem deutschen Überfall und der darauffolgenden Aufteilung Polens zwischen Deutschland und der UdSSR wurde er von seinen Eltern in den sowjetischen Teil Polens geschickt. Beim Abschiednehmen gab ihm seine Mutter die Worte „Du sollst leben!“ mit auf den Weg, ein Satz, der einen tiefen Eindruck bei ihm hinterließ und sein Schicksal entscheidend beeinflussen sollte: Als er zwei Jahre später nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion der Wehrmacht in die Hände fiel, gaben ihm diese Worte die Sicherheit, sich unerschrocken und forsch als sogenannter „Volksdeutscher“ auszugeben und so dem sicheren Tod zu entgehen. 

Doch damit sollte Sally Perels Leben noch nicht gerettet sein. Vielmehr wurden die folgenden vier Jahre für ihn zum aufreibenden Versteckspiel: Der erst sechzehnjährige zog zunächst mit in den Krieg gegen die UdSSR und arbeitete als Dolmetscher, indem er deutschen Offizieren die Aussagen sowjetischer Gefangener übersetzte. Später wurde er auf eine Elite-Akademie der Hitlerjugend in Braunschweig geschickt. Hier lebte er ebenfalls in ständiger Angst. „Dadurch, dass ich beschnitten war, lief ich immer wieder Gefahr, entdeckt und getötet zu werden. Ich malte mir schon aus, was sie mit mir anstellen würden.“ Die Worte seiner Mutter gaben ihm auch hier den nötigen Halt, der ihn nicht verzweifeln und an seiner Rolle festhalten ließ. „Man wird dich nicht entdecken“, war er sich sicher. 

Allerdings berichtete Sally Perel während seiner beiden Vorträge auch davon, wie sehr er von der nationalsozialistischen Ideologie durchdrungen wurde: „Ich entwickelte mich zu einem begeisterten Hitlerjungen und hasste mich selbst dafür, jüdisch zu sein.“ Diese Begeisterung führte sogar soweit, dass er Enttäuschung empfand, als die Amerikaner 1945 Braunschweig eroberten, obwohl er nun endlich seine wahre Identität preisgeben konnte. „Ich fühlte mich niedergeschlagen, weil nicht die Deutschen, sondern die Alliierten den Krieg gewonnen hatten“, gab er während einer seiner beiden Lesungen unumwunden zu. Selbst heute nach über siebzig Jahren empfände er noch oft „den Hitlerjungen in sich“, so tief hätten ihn die nationalsozialistische Ideologie und die unbedingte Gefolgschaftstreue geprägt. Diese „Spaltung der Seele“ habe die Zeiten überdauert. „Es entstand ein nicht wiedergutzumachender Schaden.“ 

Es ist diese Aufrichtigkeit, von der die beiden Lesungen geprägt waren. Und für kurze Augenblicke war Sally Perel auch der Schmerz anzumerken, den er angesichts der im Dritten Reich begangenen Gräueltaten empfand. In diesen Momenten machte er deutlich, dass es ihm schlicht unmöglich sei, das Beobachtete in Worte zu fassen, so u. a. angesichts der Zustände in einem jüdischen Ghetto, das er während eines Fronturlaubs besuchte. Umso mehr brachten die Zuhörer während des Schlussapplauses ihren Dank dafür zum Ausdruck, dass der Schriftsteller auch noch im hohen Alter von neunzig Jahren dazu bereit war, seine Lebensgeschichte so eindrucksvoll zu erzählen.

 

 

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