Schule und Erziehung

„Schulpolitische Verantwortung wahrnehmen“. Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn packen das Thema „Inklusion“ an

Erzbischof Hans-Josef Becker ist Vorsitzender der Kommission VII „Erziehung und Schule“ der Deutschen Bischofskonferenz. Die 19 Schulen in unmittelbarer Trägerschaft des Erzbistums Paderborn packen jetzt das Thema „Inklusion“ an.pdp Paderborn, 9.4.2014 (pdp). Die Anmeldezahlen an den Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn sprechen für sich: Für die neun Gymnasien liegen für das kommende Schuljahr 1.040 Anmeldungen vor. Dies bedeutet eine gleich bleibend gute Anmeldebilanz. An den sieben Realschulen wurden 742 Mädchen und Jungen angemeldet – eine deutliche Steigerung. Leicht gesteigert haben sich auch die Zahlen an den drei Berufskollegs des Erzbistums Paderborn: Hier gibt es 935 Anmeldungen für das Schuljahr 2014/2015.

Teilweise wurde an einzelnen Schulen bereits ein zusätzlicher Klassenzug eingeführt, um die Schülerzahlen pro Klasse möglichst klein zu halten, damit jedes Kind eine bestmögliche individuelle Förderung erhält. „Diese positive Bilanz bei den Anmeldezahlen ist einer soliden und nachhaltigen Arbeit zu verdanken, aber sicherlich auch unserem konsequenten Bemühen um die Vermittlung von Werten. Denn während die gesellschaftliche Bedeutung von Religion scheinbar sinkt, steigt die Anfrage an Ersatzschulen, deren Wesenskern die christliche Wertevermittlung und Zuwendung zum Schüler ist", sagt Eva Jansen, Oberstudiendirektorin und Leiterin der Abteilung Katholische Schulen in freier Trägerschaft im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn.

In so genannten Ersatzschulen und somit auch in den Schulen des Erzbistums Paderborn gilt das Prinzip der freien Schüler- und Lehrerwahl. „Unsere Aufnahmekriterien sind transparent und wir führen an den Schulen individuelle Aufnahmegespräche", informiert Eva Jansen. „Ersatzschulen sind für die Bildungslandschaft wichtig, weil sie eine Auswahl ermöglichen: Die Anmeldezahlen belegen, dass viele Eltern unser besonderes pädagogisches Profil schätzen, aber dann müssen die Ersatzschulen ihre Wahlfreiheit behalten, da sie sonst eben dieses ‚katholische’ Profil, nicht gewährleisten können."

Oberstudiendirektorin i. K. Eva Jansen ist Leiterin der Abteilung Katholische Schulen in freier Trägerschaft im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn.pdp Zentraler Bestandteil dieses Profils ist das christliche Menschenbild. Das heißt: Das Wohl des Kindes steht immer an erster Stelle. „Unser oberstes Erziehungsziel ist es, Schülern und Schülerinnen die bestmögliche Förderung zu geben, um sie auf ein gelingendes Leben vorzubereiten." Mit dem Aspekt der Förderung ist ein gesellschaftlich derzeit breit diskutiertes Thema angesprochen, das auch die katholischen Schulen im Erzbistum Paderborn vor eine große Herausforderung stellt: die Inklusion von Kindern mit Behinderung. Die 2006 verabschiedete UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sieht vor, dass „alle Menschen das gleiche Recht auf volle Teilhabe an der Gesellschaft haben und zwar unabhängig davon, ob und wie stark Einzelne dabei unterstützt werden müssen". In Nordrhein-Westfalen tritt zum 1. August 2014 das daraus abgeleitete Inklusionsgesetz in Kraft. Das bedeutet, dass ab dem Schuljahr 2014/2015 Kinder mit Behinderung in NRW schrittweise einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Regelschule erhalten.

Was heißt das für katholische Schulen? „Der Großteil der katholischen Schulen ist als Antwort auf Nöte der Schwächsten entstanden. Daher gehört der Inklusions-Grundgedanke, nämlich die Aufmerksamkeit für die Schwächsten und deren Förderung, zur geschichtlichen Tradition und zum christlichen Menschenbild katholischer Schulen", erläutert Eva Jansen. Doch das Grundproblem der so genannten zieldifferenten Inklusion ist, dass Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen zusammen betreut werden. Die mögliche Konsequenz: Lehrkräfte sind überfordert, weil sie weder den Förder- noch den Regelschülern angemessen gerecht werden können. „Zur bestmöglichen Förderung eines jeden Kindes müssen die Rahmenbedingungen an einer inklusiven Schule so gestaltet sein, dass allen Lernenden die Fördermöglichkeiten geboten werden, die sie benötigen, also auch den Schülern ohne Behinderung", beschreibt Eva Jansen die „ideale" Umsetzung von Inklusion.

Bisher fehlt es weitgehend an solchen rechtlichen, finanziellen und konzeptionellen Rahmenbedingungen, die für einen sinnvollen Vollzug der Inklusion im Sinne der ganzen Schulgemeinschaft nötig sind. Voraussetzungen für eine gelingende Inklusion sind beispielsweise möglichst kleine Klassen und ein verbessertes Personal- und Raumangebot, um Lerngruppen gemäß der Fördernotwendigkeit unterteilen und betreuen zu können. Es braucht Förderschullehrer, Schulsozialarbeiter und Therapeuten und eine behindertengerechte Ausstattung der Schulen. Ein Problem, das oft übersehen wird: Das Spektrum der Behinderungen ist oft so vielfältig, dass auch die Förderung dementsprechend vielfältig sein muss. „Der gut gemeinte und grundsätzlich zu begrüßende Gedanke der Inklusion scheitert derzeit oft noch an der Realität", sagt Eva Jansen. „Wir wollen uns dem Thema Inklusion jedoch nicht verschließen. Deshalb schauen wir derzeit genau auf jede einzelne unserer Schulen, wie sich Inklusion dort sinnvoll realisieren lässt. In manchen Regionen spüren wir auch durch die Vielzahl unserer Schulen dort eine starke regionale schulpolitische Verantwortung, der wir uns als kirchlicher Schulträger nicht entziehen wollen und dürfen."

Was sind mögliche Maßnahmen, um die Bedingungen für eine Umsetzung der Inklusion zu verbessern? Beispielsweise könnte ein Zusatzreferendariat mit Förderschwerpunkt die Qualifikation der Lehrkräfte verbessern. Schon jetzt sind die Schulen des Erzbistums Paderborn Orte der langjährig erprobten und gelebten Integration von Kindern mit Einschränkungen und sozial benachteiligten Kindern. Es existieren systemische Maßnahmen und Konzepte wie etwa Angebote der Schulpastoral und Sozialarbeit, die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern, Präventionskonzepte, zusätzliche Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer, etwa für Autismus-Spektrum-Erkrankungen oder Hochbegabung, oder individuelle schulische Fördermaßnahmen. Darüber hinaus wird bereits jetzt Inklusion schwerpunktmäßig am Mariengymnasium Arnsberg für Kinder mit Asperger-Syndrom oder an den Schulen der Brede in Brakel für hochbegabte Kinder systemisch umgesetzt.

„Das bestehende Schulmodell mit unterschiedlichen Schulformen nimmt unserer Wahrnehmung nach den Elternwillen ernst – besonders auch von Kindern mit Förderbedarf. Die Möglichkeit, eine Förderschule zu besuchen, sollte in unseren Augen auch in Zukunft gewährleistet bleiben, solange in den Regelschulen nicht für alle Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf angemessene Bedingungen für eine umfassende schulische Förderung geschaffen werden können", sagt Eva Jansen. Regelschulen und Förderschulen könnten regional enger zusammenarbeiten und gemeinsam Wege der inklusiven Bildung entwickeln.

(pdp-n-09.04.2014)

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