Schule und Erziehung

Wege zu einer inklusiven Bildung und Erziehung

Diskutierten über den Weg zu einer inklusiven Erziehung und Bildung (v. l.): Gerhard Krombusch (stv. Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung), Diözesan-Caritasdirektor Josef Lüttig, Direktor Günter Oelscher (Franz-Sales-Haus, Essen), Msgr. Joachim Göbel (Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung), Direktorin Wiltrud Thies (Sophie-Scholl-Schule, Gießen) und Professor Dr. Bert Roebben (TU Dortmund). Fotos: cpd/Sauer Schwerte/Paderborn, 20. Januar 2011 (cpd). Noch sind körper- oder geistig behinderte Kinder und Jugendliche an weiterführenden Schulen wie etwa Gymnasien die Ausnahme. Die Regel ist anders. Sie führt in Deutschland in den meisten Fällen auf den Sonderweg der Förderschule. Wie verträgt sich diese faktische Ausgrenzung mit dem Leitbild einer „inklusiven“, auf Teilhabe aller ausgerichteten Gesellschaft, zu der sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen in der UN-Behindertenrechtskonvention 2006 verpflichtet haben? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer gemeinsamen Fachtagung der Hauptabteilung Schule und Erziehung im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn und des Diözesan-Caritasverbandes

 


Fachtagung in der Katholischen Akademie Schwerte

Die rund 80 Experten aus katholischen Schulen sowie aus Einrichtungen der Behindertenhilfe erhielten in der Katholischen Akademie Schwerte zunächst eine Vorstellung davon, welche Chancen in der Vision einer gemeinsamen schulischen Bildung liegen. Für Dr. Bert Roebben, Professor für Religionsdidaktik an der Technischen Universität Dortmund, bietet die UN-Behindertenrechtskonvention die Chance, die im christlichen Menschenbild verankerte Erfahrung der Geschöpflichkeit neu zur Sprache zu bringen: Jeder Mensch, ob behindert oder nicht behindert, sei gleichermaßen zerbrechlich. Nur in der Begegnung mit dem Anderen und in der Erfahrung des Andersseins kann, so Roebben, das eigene Leben reifen. Dies gelte gerade in der Begegnung mit behinderten Menschen. „Inklusion bietet die Möglichkeit, mich selbst zu finden“, betont Robben. Für ihn ist dies gerade für heutige Jugendliche wichtig: Nicht nur den anderen kennen und respektieren zu lernen, sondern sich selbst neu zu sehen und neu zu würdigen. Ein idealer Ort hierfür sei der Religionsunterricht – wenn er nicht, so Roebben, als „Happy Reli“ missverstanden wird, sondern stattdessen die wahren und schwierigen Fragen des Menschseins angeht.

Beispiele aus der Praxis

Wie kann Inklusion in der schulischen Praxis gelingen? Zu den wenigen Schulen in Deutschland, die konsequent diesen Weg gehen, gehört die Sophie-Scholl-Schule in Gießen, die seit 2009 als inklusive Grund- und Gesamtschule in Hessen offiziell anerkannt ist. Sie wird aktuell von 330 Kinder besucht. Jedes vierte hat einen anerkannten Förderbedarf. „Inklusion kann man nicht mal eben machen“, betont Frau Thies mit Blick auf die Schulentwicklung mit einschneidenden Veränderungen etwa bei Lehrplänen und Schulorganisation. So werden die Schüler in 17 Lerngruppen unterrichtet. Jede Gruppe besteht aus 20 bis 22 Schülern, darunter fünf mit allen Formen der Behinderung. Alle Kinder, auch die nicht behinderten haben individuelle Förderpläne. Lernziele werden lediglich in einem Rahmen vorgegeben. Der Weg zu diesem Ziel, kann mit Rücksicht auf die gehandicapten Schüler unterschiedlich sein. „Behinderung wird bei den Schülern inzwischen nur als eine Form des Andersseins erfahren“, betont Wiltrud Thies. Es gibt behinderte Schüler, so wie es Schüler aus Migrantenfamilien oder aus unterschiedlichen sozialen Milieus gibt.

Günter Oelscher, Direktor des Franz-Sales-Hauses in Essen, gab in Schwerte aus Sicht eines großen Caritas-Trägers der Behindertenhilfe einen Einblick in die jüngste „inklusive“ Weiterentwicklung dieses Hilfebereiches. So sind beispielsweise neue gemeindenahe Wohnformen in kleinen Gruppen entstanden. Neben der klassischen Werkstatt für Menschen mit Behinderung existieren neue Arbeitsangebote. Auch Freizeitangebote haben sich für nicht behinderte Personen geöffnet. Dennoch warnt Oelscher davor, den Inklusionsbegriff zu überdehnen oder „exklusiv“ Menschen mit Behinderungen vorzubehalten. „Auch ausländischen Jugendliche möchten inklusiv behandelt werden.“

Gesellschaftliche Aufgabe

Ist die Gesellschaft wirklich bereit, inklusive GeselIschaft zu werden? „Wer Inklusion will, sucht Wege, wer sie nicht will, sucht Begründungen“. Das Zitat von Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, steht für den gegenwärtigen Mix aus Beschleunigen und Bremsen. Einerseits Verbesserungen in der Behindertenhilfe wie das persönliche Budget, andererseits drohende Budgetkürzungen bei Kostenträgern und nicht zuletzt die brachliegende Baustelle der gemeinsamen schulischen Bildung. „Wir müssen trotz aller Widerstände ruhig und beharrlich die Dinge weiterentwickeln“, nennt Diözesan-Caritasdirektor Josef Lüttig eine mögliche Strategie. Die Gesellschaft müsse beantworten, was ihr Inklusion auch im schulischen Bereich wert sei. Msgr. Joachim Göbel, Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung, spricht sich für viele kleine Schritte aus, um den Inklusionsgedanken in katholischen Schulen voranzutreiben. Noch sei der Umgang mit behinderten Schülern auch bei Lehrkräften nicht selbstverständlich „Ich erlebe hier viele Unsicherheiten und Ängste.“ Daher sei gerade die Vernetzung von katholischen Schulen mit den caritativen Diensten und Einrichtungen der Behindertenhilfe eine lohnenswerte Aufgabe.

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