Schule und Erziehung

Im Anfang war das Thema - Überlegungen zum Schulgottesdienst

Schulgottesdienst im Dortmunder Mallinckrodt-Gymnasium Freundschaft, Liebe, Gemeinschaft, Vergebung, Amoklauf, Erinnerung, Labyrinth, Abschied und Erinnerung, Sichtweise, Außergewöhnliches wagen, Jahresanfang, Was uns heilig ist… – so gut wie kein Schulgottesdienst kommt ohne ein besonderes Thema aus. Wie man an der kurzen Auflistung von Themen sehen kann, entstammen diese mehrheitlich dem Religionsunterricht, lehnen sich aber auch an das Kirchenjahr an oder entstehen aus einem aktuellen Anlass. Am Mallinckrodt-Gymnasium obliegt die Vorbereitung der Jahrgangsgottesdienste, die an zwei Tagen der Schulwoche stattfinden, den Religionslehrerinnen und -lehrern und ihren Lerngruppen. Die Absprache mit dem Zelebranten erfolgt kurzfristig und konzentriert sich vor allem auf die Zuordnung des Evangeliums und die möglichen Ansatzpunkte für eine Katechese oder Kurzpredigt. Anders sieht es bei den großen Gottesdiensten mit der ganzen Schulgemeinde aus. Sie werden von einer Liturgiegruppe der Oberstufe in wöchentlichen Sitzungen vorbereitet.


Die sehr schülerorientierte und induktive Vorgehensweise ist in mehrfacher Hinsicht vorteilhaft. Zunächst sind die Schüler in der Regel mit dem jeweiligen Thema aus dem Religionsunterricht vertraut. Viele sind in die Gestaltung des Gottesdienstes eingebunden und die Aufmerksamkeit der anderen Teilnehmer ist hoch, besonders, wenn ein szenisches Spiel vorgesehen ist. Die Gefahr, dass ein Thema ihre Denk- und Lebenswelt verfehlt, kann als relativ gering eingeschätzt werden. Hinzu kommt die Möglichkeit, in der Liturgie das aus dem Unterricht bekannte Thema zu vertiefen oder im Licht des Evangeliums neue Aspekte zu sehen. Für unerwartete neue Erkenntnisse sorgen schon die unterschiedlichen Perspektiven von vorbereitendem Religionslehrer und jeweiligem Liturgen.

Für letzteren bedeutet diese Praxis eine große Entlastung, denn sein Anteil an der Vorbereitung beschränkt sich auf die Konzeption einer zu Thema und Lesung bzw. Evangelium passenden Katechese oder kurzen Homilie und die Auswahl geeigneter Gebete.

Schließlich wird den Schülern deutlich, dass über das jeweilige Thema nicht nur nachgedacht werden soll, sondern dass die damit verbundenen Fragen, Wünsche oder Ängste im Gebet vor Gott gebracht werden können, was durch die selbstgestalteten Fürbitten oder andere Gebete geschieht.

Trotz aller positiven Aspekte, die deutlich überwiegen, sind auch einige Anfragen an die Praxis von Schulgottesdiensten zu stellen. Die erste Anfrage bezieht sich auf den Umgang mit der Heiligen Schrift. In der Vorbereitung der Gottesdienste steht zunächst das jeweilige Thema im Mittelpunkt, in einem zweiten Schritt wird dann versucht, einen passenden biblischen Text zu finden. Das kann nicht immer in angemessener Weise gelingen, denn die Suche mit Hilfe einer Konkordanz oder durch freie Assoziation birgt die Gefahr einer kontextlosen „Steinbruchexegese“ in sich. Im Rahmen des Gottesdienstes erscheint der biblische Text passend, im Makrokontext des jeweiligen biblischen Buches hat er manchmal aber eine ganz andere Bedeutung. Weiterhin hat die gängige und legitime Praxis, in einem Schulgottesdienst die Lesung durch einen anderen Text zu ersetzen, die unbeabsichtigte Nebenwirkung, dass das Alte Testament und die neutestamentlichen Briefe weitgehend aus der Liturgie verdrängt werden.

Die zweite Anfrage ergibt sich aus der Tatsache, dass der überwiegende Teil der Schulgottesdienste als Eucharistie gefeiert wird, und somit schon über ein „Thema“ verfügt, das wie ein cantus firmus allem zugrunde liegt: der Tod und die Auferstehung Jesu. In welcher Beziehung stehen aber die vielen Einzelthemen mit diesem einen, zentralen Thema der Eucharistie und des Glaubens insgesamt? Oder anders gefragt, wie lässt sich die Verbindung transparent machen? Bei Themen wie Liebe, Gemeinschaft oder Erinnerung lässt sich der innere Zusammenhang relativ leicht herstellen, etwa durch eine kurze Überleitung zur Gabenbereitung. Manches Mal stehen aber das Thema des Wortgottesdienstes und der eucharistische Teil unverbunden nebeneinander.

Diese inhaltliche Schwierigkeit verstärkt sich noch, wenn man den dramaturgischen Bruch zwischen Wortgottesdienst und Hochgebet berücksichtigt. Nach dem schülerorientiert gestalteten Wortgottesdienst sinkt die Aufmerksamkeit der Schüler mit dem Beginn des Hochgebets ab, da die Variations- und Partizipationsmöglichkeiten hier begrenzt sind. Besonders die von Haus aus liturgiefernen Schüler haben Probleme, die Feier der Eucharistie mitzuvollziehen.

Damit ist eine dritte Anfrage verbunden, die gleichzeitig auf die zukünftigen Herausforderungen für die Gestaltung von Schulgottesdiensten verweist. Die Zahl der religiös nur oberflächlich initiierten Schüler hat in den letzten Jahren spürbar zugenommen, auch an einem katholischen Gymnasium und trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Eltern bei den Anmeldegesprächen. Wie kann also in Zukunft die Liturgiefähigkeit der Schüler gewährleistet werden? Wohl nicht allein durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Liturgie der Kirche im Rahmen des Religionsunterrichts. Der Schulgottesdienst der Zukunft wird selbst mystagogischer werden müssen, um eine innere Anteilnahme zu ermöglichen. Am Mallinckrodt-Gymnasium haben deshalb die Gottesdienste für die Jahrgangsstufe 5 kein besonderes Thema, sondern dienen der Einübung in liturgische Grundvollzüge. Flankierend dazu soll ab dem kommenden Schuljahr versucht werden, den Eltern in Form von besonderen Elternabenden aufzuzeigen, welche Bedeutung die Gottesdienste im Rahmen des Schulalltags haben, und wie sie einen Beitrag dazu leisten können, ihre Kinder mit der Liturgie vertraut zu machen.

Die kritischen Anfragen haben deutlich werden lassen, wie komplex der Schulgottesdienst als Gesamtkunstwerk ist. Das eine „Thema“ und die vielen Themen gleichzeitig im Blick zu behalten, hat oft den Charakter einer schwierigen Gratwanderung. Es ist aber zuallererst eine große Freude, Woche für Woche auf intensive Weise die Wirklichkeit der Schüler und die Wirklichkeit Gottes zusammenführen zu dürfen. Dies gelingt nur Dank der guten und engen Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten und der persönlichen Beziehung zu den Schülern, wie sie an einer katholischen Schule möglich sind.

Pastor Tobias Ebert, Schulseelsorger
Mallinckrodt-Gymnasium, Dortmund

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