Schule und Erziehung

"Alles was Recht ist ... " - Nicht-katholische Kinder im Religionsunterricht

Fallbeispiel

An einer städtischen Realschule hat sich in den letzten Jahren die Konfessionsstruktur der Schülerschaft deutlich verändert; war diese früher überwiegend evangelisch/ katholisch geprägt, so sind inzwischen mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler Muslime oder „ohne Bekenntnis“.

Da es eine Lehrkraft für das Ersatzfach „Praktische Philosophie“ an der Schule gibt, war es bisher problemlos möglich, konfessionellen Religionsunterricht außerhalb der Randstunden zu organisieren. Wegen krankheitsbedingtem, längerfristigen Ausfalls des o.g. Fachlehrers bittet nunmehr die Schulleitung die evangelischen und katholischen Religionslehrkräfte, die nichtchristlichen Kinder an ihrem jeweiligen Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. Im Wesentlichen ginge es dabei um Beaufsichtigung; Noten sollten nicht erteilt werden.

Nach anfänglicher Zustimmung stellt eine katholische Religionslehrerin fest, dass sie ihren konfessionellen Religionsunterricht in einer 8. Klasse nicht mehr wie bisher erteilen kann; die anfangs interessierten neuen Schüler lehnen das Unterrichtsthema „Heiliger Geist“, mit dem die in den Gemeinden parallel stattfindende Firmvorbereitung unterstützt werden soll, ab. Es kommt vermehrt zu Unterrichtsstörungen.

Die Bitte der Lehrerin an die Schulleitung, die Beaufsichtigung der nichtchristlichen Schüler anderweitig sicher zu stellen, wird aus organisatorischen Gründen abgelehnt.

Fragen

1. Unter welchen Voraussetzungen können nichtkatholische Kinder am katholischen Religionsunterricht teilnehmen?

2. Muss die Schulleitung dem Wunsche der Religionslehrerin, die nichtchristlichen Schüler anderweitig zu beaufsichtigen, nachkommen?

Rechtsgrundlagen

- Teilnahme am Religionsunterricht eines anderen Bekenntnisses – Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 25. 2. 1987, Az.: 1 BVR 47/84

- § 31 SchulG NRW

- Religionsunterricht an Schulen (BASS 12-05 Nr.1), RdErl. d. Ministeriums für Schule, Jugend und Kinder v. 20. 6. 2003

- Gemeinsames Votum der katholischen (Erz-) Bistümer und der evangelischen Landeskirchen vom 14.05.1998

Stellungnahme

1. Die Rechtsgrundlagen geben eindeutige Hinweise auf Zuständigkeiten und Verfahrensfragen: „Die Zulassung anderskonfessioneller Schülerinnen und Schüler zum Religionsunterricht ist Sache der jeweiligen Kirche oder Religionsgemeinschaft. In der Regel entscheidet die Religionslehrerin oder der Religionslehrer in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der jeweiligen Kirche oder Religionsgemeinschaft aufgrund einer schriftlichen Erklärung der Erziehungsberechtigten bzw. der religionsmündigen Schülerin oder des religionsmündigen Schülers. Gleiches gilt, wenn eine Schülerin oder ein Schüler keiner Konfession oder einer Konfession angehört, für die Religionsunterricht nicht erteilt wird.“ (> BASS 12-05 Nr.1, 5.2).

Diese Hinweise stehen im Einklang mit dem gemeinsamen Votum der katholischen (Erz-) Bistümer und der evangelischen Landeskirchen. Nehmen unter diesen Voraussetzungen nichtkatholische Kinder freiwillig am katholischen Religionsunterricht teil, so werden ihre Leistungen selbstverständlich benotet und können versetzungsrelevant sein. Das Recht auf Abmeldung vom Religionsunterricht (> BASS 12-05 Nr.1, 6.2) bleibt ihnen, wie allen anderen Schülern, grundsätzlich unbenommen.

Eine rechtliche Verpflichtung für insbesondere Religionslehrkräfte zur Aufnahme von andersgläubigen Kindern in ihren Religionsunterricht zur „Beaufsichtigung“ besteht daher nicht; vielmehr hat die Schule „gegenüber Schülerinnen und Schülern, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, eine Aufsichtspflicht, die sich auch auf Freistunden erstreckt. (> BASS 12-05 Nr.1, 6.3)

2. In unserem Fallbeispiel hat die Religionslehrerin freiwillig, allerdings in Unkenntnis der Rechtslage, der Beaufsichtigung der andersgläubigen Kinder im Rahmen ihres Religionsunterrichts zugestimmt. Diese können selbstverständlich nicht zur regulären Teilnahme im o.g. Sinn verpflichtet werden. Die Lehrerin reklamiert zu Recht die Gefährdung ihrer Unterrichtsziele, was angesichts der vereinbarten Unterrichtskooperation mit dem externen Partner Kirchengemeinde im Hinblick auf die bevorstehende Firmung der katholischen Schüler besonders misslich ist.

Wir sehen daher in diesem konkreten Fall eine Verpflichtung der Schulleitung, die Religionslehrerin von der Beaufsichtigung andersgläubiger Schüler im Religionsunterricht zu entbinden und diese bis zur erneuten Aufnahme des Ersatzunterrichts anders zu organisieren.

In diesem Zusammenhang ist die häufig praktizierte Verlegung des Religionsunterrichts in Randstunden als Dauerlösung unseres Erachtens unzulässig; sie widerspricht insbesondere dem Gleichbehandlungsanspruch des Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach.

Weitere Auskünfte:

Roland Gottwald, Schulrat i.K.
Hauptabteilung Schule und Erziehung
Domplatz 15 (Konrad-Martin-Haus)
33098 Paderborn
0 52 51/ 125-1217
roland.gottwald@erzbistum-paderborn.de

Sie sind hier: Religions- unterricht > Rechtsgrundlagen
Erzbistum Paderborn