Schule und Erziehung

Von der Vermittlungs- zur Aneignungsdidaktik. „Islamischer Religionsunterricht in NRW“ als Schwerpunktthem der Dekanatskatechetenkonferenz

„Inter-religiöser“ Austausch: Referentin Tuba Isik (m.) rief mit ihrem Vortrag zum Islamischen Religionsunterricht eine angeregte Diskussion hervor. Paderborn, 28.2.2013 (pdp). Auf Einladung der Hauptabteilung Schule und Erziehung im Erzbischöflichen Generalvikariat kamen die Dekanatskatecheten zu ihrer Jahreskonferenz im Haus Maria Immaculata in Paderborn zusammen. Neben einem Erfahrungsaustausch ging es schwerpunktmäßig um den Stand und die Perspektiven des islamischen Religionsunterrichts in Nordrhein-Westfalen.

Kinder und Jugendliche verbringen heute zunehmend mehr Zeit in der Schule. Umso wichtiger wird die Aufgabe eines Dekanatskatecheten, eine Brücke zwischen Gemeinde und Schule als Lernort zu schlagen. Um dieses Ziel zu erreichen, schafft ein Dekanatskatechet unter anderem Begegnungsräume zwischen den Pastoralteams und den Religionslehrern, verantwortet Fortbildungsangebote für Religionslehrer auf Dekanatsebene oder bemüht sich um die Profilierung von Schulgottesdiensten. Eine wichtige Aufgabe des Dekanatskatecheten liegt zudem in der Information der Priester und pastoralen Mitarbeiter über wichtige Entwicklungen in Religionsunterricht und Schulpastoral. Eine solche Entwicklung ist das Gesetz zur Einführung von Islamischem Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach in Nordrhein-Westfalen, das im vergangenen August in Kraft getreten ist. Der derzeitige Stand und die Perspektiven des islamischen Religionsunterrichts in NRW waren deshalb auf vielfachen Wunsch das Schwerpunktthema der diesjährigen Dekanatskatechetenkonferenz.

Einführend beleuchtete Roland Gottwald, in der Hauptabteilung Schule und Erziehung des Erzbischöflichen Generalvikariates zuständig für Grundsatz-, Rechts- und Personalfragen, die Position der katholischen Kirche zum Islamischen Religionsunterricht in NRW. Mit Bezug auf eine Stellungnahme des Katholischen Büros NRW erklärte er, dass die katholische Kirche sich zwar kritisch, aber grundsätzlich offen für eine geregelte Einführung des Islamischen Religionsunterrichtes ausgesprochen habe – zumal die Schülerzahlen im Erzbistum Paderborn mit mehr als 82.000 muslimischen Schülern (im Vergleich: knapp 235.000 katholische Schüler) dies notwendig machten. Das Grundgesetz schreibe den schulischen Religionsunterricht als „res mixta" vor: Für das generelle Angebot, das auch die Fachausbildung der Lehrkräfte einschließt, ist der Staat verantwortlich, für die Inhalte hingegen die jeweilige Religionsgemeinschaft, wie etwa die katholische Kirche. Hauptdiskussionspunkt bei der Einführung des Islamischen Religionsunterrichts: Der Islam sei keine klar umrissene Religionsgemeinschaft, das heißt, er habe keine eindeutige Struktur, wie etwa der Katholizismus. Vielmehr beheimate er ganz unterschiedliche Strömungen. Dem Staat fehle somit in der Gestaltung des Islamischen Religionsunterrichtes ein grundgesetzlich definiertes Gegenüber. Mit Inkrafttreten des Gesetzes zur Einführung des Islamischen Religionsunterrichts sei zwar ein Beirat als Ansprechpartner und Instanz geschaffen worden, welcher die Einführung begleite. Dieses Modell könne aus Sicht der katholischen Kirche aber kein Dauerzustand sein, fasste Roland Gottwald zusammen. Es stelle jedoch eine praktikable und begrüßenswerte Übergangslösung dar.   

Tuba Isik berichtete anschaulich von ihrer Arbeit als Stellvertretende Vorsitzende im Beirat für den Islamischen Religionsunterricht in NRW. Tuba Isik, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften der Universität Paderborn und stellvertretende Vorsitzende des Beirats für den Islamischen Religionsunterricht in NRW, berichtete im Anschluss über die Arbeit des Beirats und die bisherigen Strukturen des Islamischen Religionsunterrichts in NRW. Sie machte darauf aufmerksam, dass bisher in Deutschland die Moschee der einzige „Lernort" für muslimische Kinder gewesen sei, wo diese im Glauben unterwiesen würden: „Problematisch ist, dass diese Unterweisung den Charakter eines Frontalunterrichts hat, der typisch kindliche Glaubens-Fragen nicht wirklich aufgreifen und somit keine echte Beheimatung im Glauben zu geben vermag", erklärte Tuba Isik. Als wichtigste Aufgaben des Beirats nannte Isik die Erteilung einer Lehrerlaubnis sowie die Genehmigung von Lehrmaterial und -plänen für den Islamischen Religionsunterricht. Bei der Beurteilung der Eignung als islamischer Religionslehrer stoße der Beirat, der aus acht theologisch, religionspädagogisch oder islamwissenschaftlich qualifizierten Mitgliedern besteht, oft auf Probleme: „Viele Kandidaten weisen einen durchaus frommen muslimischen Glauben auf. Es fehlt jedoch oftmals an der Fähigkeit, den eigenen Glauben auch zu reflektieren, was für eine Weitergabe an Kinder, insbesondere im Grundschulalter, natürlich enorm wichtig ist", so Tuba Isik. Anzustreben sei deshalb ein Wechsel von einer reinen Vermittlungs- hin zu einer interaktiven Aneignungsdidaktik im Religionsunterricht. Es gebe derzeit noch zu wenig ausreichend fachlich qualifizierte Lehrkräfte für Islamischen Religionsunterricht. Dieser Mangel solle aber mit neuen, spezifischen Ausbildungsmodellen behoben werden. Insgesamt sei erfreulicherweise festzustellen, dass heute viele muslimische Eltern offen mit der Kultur und Religion ihres Wahl-Heimatlandes umgingen und dementsprechend auch ihre Kinder an dieser Kultur teilhaben ließen, schloss Isik ihren Vortrag.

Nach einer regen Diskussion mit der Referentin setzten die Dekanatskatecheten ihre Tagung am Nachmittag mit einem gemeinsamen Informationsaustausch aus der Arbeit in den Dekanaten sowie aus der Hauptabteilung Schule und Erziehung im Erzbischöflichen Generalvikariat fort.

Hintergrund: Dekanatskatecheten

Der Dechant schlägt dem Generalvikar nach Beratung im Dekanat und mit dem Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung im Erzbischöflichen Generalvikariat einen Kandidaten oder eine Kandidatin vor, der oder die durch den Generalvikar für eine Amtszeit von fünf Jahren ernannt wird. In der Regel wird ein Priester, eine Gemeindereferentin oder ein Gemeindereferent beziehungsweise ein Diakon zum Dekanatskatecheten ernannt. In begründeten Fällen kann das Amt auch von einem geeigneten Laien wie beispielsweise einem Religionslehrer oder einer Religionslehrerin übernommen werden. (pdp-n-21.02.13)

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