Schule und Erziehung

„Schutzkonzepte sind keine Prosa zum Abheften“

Informierten über die Entwicklung von Schutzkonzepten an Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn (v.l.): Professor Dr. Martin Wazlawik, Gesa Bertels, Dompropst Msgr. Joachim Göbel und Karl-Heinz Stahl.Foto: pdp/Ronald Pfaff Paderborn, 22.3.2017 (pdp). Das Erzbistum Paderborn will Kinder, Jugendliche und andere schutzbedürftige Personen vor sexualisierter Gewalt schützen. Dazu wurden und werden an den Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Schutzkonzepte durch so genannte Nähe-und-Distanz-Gruppen erarbeitet. An drei Pilot-Schulen aus unterschiedlichen Schulformen – dem St.-Franziskus-Berufskolleg Hamm, der Realschule St. Michael Paderborn und dem Gymnasium St. Ursula Attendorn – wurde diese Entwicklung initiiert. Eine Arbeitsgruppe des Instituts für Erziehungswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster rund um Professor Dr. Martin Wazlawik hat den Prozess wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. In einem Pressegespräch präsentierte das Erzbistum heute die Ergebnisse. Fazit: Prävention ist ein dauerhafter Lernprozess.

An den 19 Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn verbringen rund 12.000 Schülerinnen und Schüler einen Großteil ihres Alltags, sagte Dompropst Monsignore Joachim Göbel, Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung im Erzbischöflichen Generalvikariat. „Schulen sind hochsensible Räume, in denen sich Schüler in jeder Hinsicht sicher und gut aufgehoben fühlen sollen“, so Msgr. Göbel. Durch die Einrichtung von Nähe-und-Distanz-Gruppen in allen Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn sei nicht nur die reine sexuelle Übergriffigkeit in den Blick genommen worden, vielmehr beispielsweise auch grenzverletzende Sprache. „Und wir haben eine Gesprächsatmosphäre geschaffen, in der jeder Teil der Schulgemeinschaft keine Angst haben muss, frei zu reden. Wir verstehen unsere Präventionsbemühungen als Dauerprozess, den es fortzuführen gilt. Darin hat uns die Studie von Prof. Wazlawik bestärkt“, erklärte der Dompropst.

„Schulen sind hochsensible Räume, in denen sich Schüler in jeder Hinsicht sicher fühlen sollen“, sagte Dompropst Msgr. Joachim Göbel, Leiter der Hauptabteilung Schule und Erziehung im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn.Foto: pdp/Ronald Pfaff Karl-Heinz Stahl, seit September 2013 Präventionsbeauftragter für das Erzbistum Paderborn, verwies auf das Leitwort der Präventionsarbeit in den deutschen Bistümern: „Augen auf – Hinsehen und schützen“. Die Entwicklung institutioneller Schutzkonzepte bewege sich entlang der Begriffe „Sensibilisieren, Institutionalisieren und Integrieren“. Die pädagogische Prävention, die sich an Kinder und Jugendliche richte, greife alleine ebenso zu kurz wie die institutionelle Prävention, die nur Erwachsene als Zielgruppe im Auge habe. „Die Entwicklung institutioneller Schutzkonzepte ist ein Zusammenspiel. Jede Schule sollte hier ihren eigenen Weg finden. Wir als Erzbistum Paderborn unterstützen diesen Weg mit verschiedenen Hilfsangeboten.“

Junior-Professor Dr. Martin Wazlawik als Leiter der vom Erzbistum Paderborn beauftragten Studie stellte gleich zu Beginn fest: „Die wichtigste Frage auf dem Weg der Entwicklung institutioneller Schutzkonzepte ist: Was passiert auf dem Weg dahin?“. Die Studie zeige, dass das individuelle Engagement jedes Einzelnen entscheidend sei, um einen „Prozess in Gang zu bringen“. Ferner belege die Studie ein Kernanliegen des Erzbistums: „Die Befragten wünschen sich Impulse, die in ihrer Komplexheit und Fülle nicht erschlagend wirken, sondern ganz praktisch dabei helfen, eigene Wege in der Präventionsarbeit zu finden“, erläuterte der Erziehungswissenschaftler. In diesem Zusammenhang hätten die in der Studie Befragten die gute externe Begleitung, sowohl seitens der Fachkräfte aus dem Erzbistum als beispielsweise auch durch die Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Nordrhein-Westfalen e. V., gelobt.

Professor Dr. Martin Wazlawik stellte die zentralen Ergebnisse der Studie vor.Foto: pdp/Ronald Pfaff Als wichtige „Baustelle“ identifizierte Professor Dr. Wazlawik beispielsweise Schutzmaßnahmen für den Umgang mit digitalen Medien. Eine der größten Herausforderungen würden „uneindeutige Alltagssituationen“ bleiben, so der Wissenschaftler: „Kann die Situation, in der ein Lehrer nach der Stunde allein mit einem Schüler oder einer Schülerin im Klassenzimmer spricht, als richtig oder falsch beurteilt werden? Trotz des Wunsches nach Eindeutigkeit, kann nicht jede ‚Dilemma-Situation‘ eindeutig bewertet werden. Aber der Prozess der Entwicklung von Schutzkonzepten kann zur Professionalisierung im Umgang damit führen. Und genau daran wächst Achtsamkeit“, schloss Prof. Wazlawik sein Statement.

Gesa Bertels, Geschäftsführerin der Katholischen Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Nordrhein-Westfalen e. V., schilderte ihre Sicht als Praxisbegleiterin der Schulen bei der Entwicklung der Schutzkonzepte. Die Landesarbeitsgemeinschaft ist für die fünf NRW-Bistümer tätig. „Das Erzbistum Paderborn ist in vielen Dingen in Sachen Prävention sehr früh auf dem Weg gewesen“, so Gesa Bertels. „Unsere Aufgabe ist es nun, die guten Erfahrungen weiterzugeben und in die Breite zu tragen.“ Dazu sei eine Broschüre mit Best-Practice-Beispielen in Vorbereitung. Das Thema sexualisierte Gewalt werde mittlerweile an allen Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn intensiv bearbeitet. Ziel sei es, so waren sich Gesa Bertels und Prof. Dr. Martin Wazlawik einig, dass das Thema Prävention zum normalen Schulalltag gehören und Bestandteil der Schulkultur werden müsse: „Denn die Entwicklung eines Schutzkonzeptes darf nicht heißen, wohlformulierte Prosa zu verfassen und diese dann zu den Akten zu heften. Achtsamkeit muss gelebt werden“, sagte Prof. Dr. Wazlawik.

(pdp-n-21.03.2017)

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